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Algen

Gemüse aus dem Meer, Gesundes aus dem See

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«Algen haben kein gutes Image», sagt die Algenexpertin Dr. Inse Cornelssen*. Und tatsächlich denken die meisten von uns beim Wort Algen an die blühende Pest, die das sommerliche Baden vermiest, und das schlabbrig-glitschige Grünzeug, das sich im Meer um die Knöchel wickelt. Doch Algen können viel mehr. Weltweit landen jährlich fast acht Millionen Tonnen Algen in der Küche, andere sind vielseitige Helferlein in der Nahrungsmittelindustrie, Kosmetik und Umwelttechnik.



Zwar hat der Sushi-Boom seinen Höhepunkt in Europa schon wieder überschritten, doch haben die kleinen gefüllten Häppchen aus mit Algen umwickelten Reispäckchen ihre feste Fan-Gemeinde. Aber auch wer Sushi nicht mag, schluckt mehr Algen, als er sich vielleicht vorstellt. Denn Algen stecken in Eiscreme, Backwaren, Gelee, Pudding, Käse, (Salat-)Saucen, geschlagenem Rahm, Milchschokolade, Kondensmilch, Sauerrahm, Jogurt, Tiefkühlgerichten und sogar in Medikamenten und Zahnpasta.

Wen’s interessiert, der achte in der Zutatenliste auf die Inhaltsstoffe Agar-Agar (E 406), Alginat, Carotin, Carrageen (E 407), Kelp, Modifizierte Stärke, Natriumcarbonat, Zitronensäure und die Angaben E 400 (Alginsäure) bzw. E 401 bis E 405 (verschiedene Salze der Alginsäure).

Winzlinge und Riesen

Die kleinsten Algen bestehen aus einer einzigen Zelle (mit oder ohne Zellwand) und sind mit blossem Auge nicht zu sehen. Diese Mikroalgen kommen überall da vor, wo es feucht ist: im Meer, im Süsswasser, an nassen Wänden. Neben Mikroalgen leben im Meer auch Makroalgen, die meist festgewachsen sind und im belichteten Wasserbereich bis 20 Meter Tiefe leben. Die grössten Algen, die um die hundert Meter lang werden können, nennt man auch (See-)Tange. Gemeinsam haben die Minis und die Maxis die Fähigkeit, sich ausschliesslich von anorganischen Stoffen und Sonnenlicht zu ernähren (der Fachmann nennt dies photoautotrophe Lebensweise). Nur mit Hilfe von Licht, Wasser, Kohlendioxid und Mineralsalzen vermehren sich Algen im Eiltempo und synthetisieren eine Vielzahl komplexer Farbstoffe, ungesättigter Fettsäuren und Kohlenhydrate.

Wichtig für alles Leben auf der Erde

Algen spielen im Ökosystem der Erde eine herausragende Rolle. Sie produzieren so viel Sauerstoff wie die Wälder: Jedes zweite Molekül Sauerstoff, das der Mensch einatmet, wurde zuvor von einer Alge produziert. Mit ihrer ungeheuer grossen Biomasse stehen Algen am Beginn einer Nahrungskette, die als Phytoplankton direkt viele Lebewesen der Ozeane (einschließlich der Blauwale) und indirekt natürlich noch viel mehr Tiere zu Wasser und zu Land versorgt.

Ganz «nebenbei» sorgen sie auch für die Reinhaltung der Gewässer und der Luft, denn sie binden das Treibhausgas Kohlendioxid, Phosphor und sogar Schwermetalle. Zum Wachsen brauchen sie Nitrate und Phosphate – genau jene Stoffe, die viele Umweltprobleme verursachen. In Holland wurde in einer Algenversuchsanlage die Umwandlung von Schweinegülle in nahezu reine Biomasse erfolgreich praktiziert.

Wird auch bisher nur ein winziger Bruchteil der bekannten Arten kommerziell genutzt, liefern sie doch heute schon nicht nur Nahrung für Mensch und Tier, sondern auch Rohstoffe für Kosmetika, pharmazeutische Produkte, Reifen, Farben, Dämm- und Filtermaterialien. Viele Wissenschaftler sehen im Potenzial der Algen einen noch weithin ungehobenen Schatz.

Beispielsweise wird eine bestimmte Süßwasser-Mikroalge (Haematococcus pluvialis) genutzt, um ein Carotinoid namens Astaxanthin industriell zu nutzen. Aber auch andere Grünalgen produzieren diesen Farbstoff; davon sind nur einige wenige Salzwasseralgen aus den küstennahen Bereichen der Meere. Dem verdanken wild lebende Lachse, Garnelen und Hummer die appetitliche rosa Farbe.

Algen können auch Probleme machen

Negativschlagzeilen machen Algen vor allem in den heißen Sommern, in denen sie sich explosionsartig vermehren und Strände und Seen mit ekligen braunen oder grünen Schichten überziehen. Ob Adria oder Ostsee, Steinhuder Meer oder Ossiacher See, in diesem Sommer wurden viele kränkelnde Gewässer ernsthaft krank. Doch die Algen können nichts dafür. Die Algenpest ist nur ein Zeichen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur durch den Menschen. Sie entsteht durch Überdüngung (Eutrophierung, wie der Fachmann sagt), das heisst, unnatürlich hohe Nährstoff-Konzentrationen im Wasser,  die über die Zuflüsse und über die Luft in die Gewässer gelangen. Sie stammen aus Haushalten, Industrie, Landwirtschaft und Aquakultur sowie aus dem Verkehr.

Algen auf dem Teller

Essbare Algen findet man sowohl unter den Winzlingen als auch den Riesen, wobei die Makroalgen (noch) überwiegen. Von küstenbewohnenden Völkern wurde das Meeresgemüse schon immer als wichtige Nahrungsquelle genutzt. In Asien werden Algen frisch und getrocknet gegessen, roh oder gekocht, knusprig fritiert oder mit Salz eingelegt. Die grössten Algen-Liebhaber sind die Japaner; mit 20 Prozent Algenanteil an der täglichen Nahrung haben sie den höchsten pro-Kopf-Verbrauch.

Grosse Algen werden als Gewürz verwendet, in Suppen sowie zu Reis, Fisch und Nudeln gegessen oder als Knusperzeug geknabbert. Das aus Mikroalgen gewonnene Pulver wird zu Saucen und Suppen verarbeitet, in Drinks aufgelöst oder in Brote gebacken. Getrocknete Algen sind nahezu unbegrenzt haltbar und verlieren nicht an Nährwert.

Der hohe Gehalt an Eiweiss, Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidantien macht die Wasserpflanzen zu wahren Vitalstoffbomben. Bei getrockneten Algen machen die Mineralstoffe und Spurenelemente zwischen 7 und 38 Prozent des Gewichts aus. Besonders reiche Quellen sind sie für Kalzium, Magnesium, Eisen, Kalium, Jod, Zink und Selen, die Vitamine A, C umd E sowie den B-Vitaminkomplex inklusive Vitamin B12, Niacin und Folsäure. Von Bedeutung ist ausserdem ihr Gehalt an weiteren Elementen wie Kupfer, Mangan, Molybdän, Silicium, Aluminium oder Germanium, die in der bei uns üblichen Ernährung meist nur ungenügend enthalten sind.

Kleine - ganz groß!

Noch viel interessanter als die Makroalgen sind die Mikroalgen. Die genügsamen Kleinstalgen, auf deren «Speiseplan» nur Licht, Wasser, Kohlendioxid sowie etwas Phosphat und Nitrat stehen, produzieren eine Vielzahl hochwertiger Substanzen wie Vitamine und Farbpigmente, essentielle Fettsäuren und Aminosäuren, sogar Antibiotika und pharmazeutisch wirksame Stoffe. Die so genannte «blaue» Biotechnologie beschäf-tigt sich mit den winzig kleinen Organismen in der Anwendung als Nahrungsergänzungsmittel, Futtermittelzusatzstoff (z.B. in der Hühner- und Schweinemast), als Futtermittel für Fischzuch-ten und Aquarienfische, als Wirkstoff in der Pharmazie sowie auf dem Gebiet der Abwasser- und Abgasreinigung, der Energiegewinnung, der Medizin, Lebensmittelanalytik und Kosmetik.

Gesundheit aus süßem Wasser

Die bekanntesten Mikroalgen sind die jodfreien Süsswasseralgen Spirulina und Chlorella. Sie kommen natürlich in ruhigem Süsswasser, im Boden oder an Baumrinden (Chlorella) oder in warmen Vulkanseen auf Hawaii und einigen Seen Mittelamerikas (Spirulina) vor.  Meist werden sie jedoch auf «Farmen» gezüchtet, die mit sauberem Wasser gespeist sein sollten. Die Wasserqualität ist deshalb so entscheidend, weil die Algen ein erhöhtes Speichervolumen für Pestizide, Schwermetalle und radioaktive Substanzen besitzen. Ein ebenfalls zu beachtender Punkt ist die schonende Trocknung. Bei etwa 40 °C bleiben die Zellen intakt, während sie bei höheren Temperaturen platzen und Nährstoffverluste entstehen. Chlorella wird, wie schon erwähnt, seit wenigen Jahren auch in Deutschland in High-Tech-Biofabriken unter optimalen Bedingungen gezüchtet. Das grüne Algen-Pulver gibt es in Form von Presslingen oder Kapseln.

Die blau-grüne Spirulina platensis enthält hochwertige Proteine (Aminosäuren), viel Eisen und Betacarotin, Chlorophyll und Folsäure. Der Farbstoff Phykozyan erhöht die Aktivität der Lymphozyten und stärkt das Immunsystem. Spirulina lindert Magenschleimhaut-entzündungen und trägt dazu bei, den Cholesterinspiegel zu senken.  Von Anbieterseite wird immer wieder der hohe Gehalt an Vitamin B 12 betont (was insbesondere für Veganer interessant wäre), doch von seiten der Wissenschaftler wird ebenso oft darauf hingewiesen, dass das Vitamin in einer Form vorliegt, die vom Körper nicht richtig aufgenommen werden kann.

Die Chlorella-Alge gibt es in mehreren Arten, die nur schwer zu unterscheiden sind. Im Handel sind hauptsächlich Chlorella vulgaris und Chlorella pyrenoidosa. Die in ihnen enthaltenen Vitamine, essentiellen Aminosäuren, Fettsäuren und Mineralien stabilisieren Stoffwechsel- und Kreislaufprozesse, antioxidative Komplexe schützen durch Bindung freier Radikale vor Zellschädigungen; Ballaststoffe, wie Polysaccharide, stimulieren die Immunabwehr und regen die Zellerneuerung an. Hervorzuheben ist der sehr hohe Gehalt an Chlorophyll und Eisen. Oft angepriesen wird auch die Fähigkeit der Chlorella, dem Körper bei der Entgiftung gesundheitsschädigender Stoffe aus der Luft oder dem Wasser, ernährungsbedingten Schwermetallen und chemischen Schadstoffen zu helfen. Für Amalgam scheint das nicht zu gelten, wie die deutsche Amalgam-Page betont: In der anerkannten Wissenschaft liege keine Untersuchung vor, die beweist, dass der Verzehr der Alge bei Schwermetallvergiftung durch Amalgam wirkungsvoll wäre.

Sonderfall AFA-Algen

Die Cyanobakterien Aphanizomenon flos aquae, kurz AFA-Algen oder wegen der Farbe auch als Bluegreen bezeichnet, wachsen wild im Upper Klamath Lake (US-Staat Oregon). Angeblich sollen sie gegen Übergewicht, Diabetes, Neurodermitis sowie gegen Krebs und sogar Hyperaktivität von Kindern (ADHS-Syndrom) helfen. Doch da gibt es noch viel Uneinigkeit unter den Experten. Immerhin warnen zahlreich ernstzunehmende Fachleute (auch das Gesundheitsminis-terium Kanadas), AFA-Algen einzunehmen, weil die Cyanobakterien starke leber- und nervenschädigende Gifte produzieren, die besonders Kinder und Heranwachsende schädigen können.  

* Dr. Cornelssen vom Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Hannover und sieben ihrer Studenten erforschen in einem Algenprojekt die wirtschaftliche Nutzung von Algen und die Ernährungssicherung durch Algen.

Mehr dazu unter: www.algen.fh-hannover.de/

Autorin: Ingrid Zehnder-Rawer
Quelle: "A.Vogel Gesundheits-Nachrichten", Ausgabe 10/03

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