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Mirabellen – fruchtige Königinnen

Die Mirabelle einfach eine Pflaume zu nennen, klingt schon fast wie eine Beleidigung für das edel goldfarbene und himmlisch süsse Früchtchen. Dabei ist sie nichts anderes als das: eine Unterart von Prunus domestica. Nüchterne Gemüter bezeichnen sie auch als Gelbe Zwetschge. Der Name Mirabelle, «bewundernswerte Schöne», wird ihr doch viel eher gerecht.

Wo die Mirabelle regiert

Im Gegensatz zu den etwas grobschlächtigeren Cousinen Pflaume und Zwetschge kam die kleine, feine Mirabelle erst spät zu uns. Pflaumen werden schon seit über 2500 Jahren in Griechenland kultiviert; sie kamen bereits mit den Römern nach Deutschland und Frankreich.

Die Mirabelle dagegen fand wohl erst im 16. Jahrhundert ihren Weg aus Kleinasien über Griechenland und Italien nach Frankreich und von dort um 1750 nach Deutschland. Noch etwas später lernte man sie in Österreich und der Schweiz kennen. Einen wahren Siegeszug trat sie im französischen Lothringen an, dem grössten Mirabellenanbaugebiet der Welt. Stolz nennt man sie hier auch «La Reine de Lorraine», die Königin Lothringens.

Klein, süss, würzig – und selten geworden

Bis zu fünf Meter hoch können die knorrigen Mirabellenbäume werden. Sie mögen warmes Klima, geschützte Lagen sowie trockene, warme, auch steinige Böden, sind aber auch in unserem Klima durchaus robust und für Krankheiten wenig anfällig.

Im Mai schmücken sie sich mit unzähligen kleinen weissen Blüten. Die hell- bis goldgelben runden Früchte, oft mit roten Bäckchen oder rötlichen Sprenkeln an der Sonnenseite, leuchten von August bis September im dunkelgrünen Laub. Geerntet werden Mirabellen traditionell durch Schütteln des Stammes, die Früchte werden in Netzen oder Tüchern aufgefangen.

Reife Mirabellen schmecken wunderbar aromatisch, sehr süss und feinwürzig. Aber: Sie sind auch empfindlich und leicht verderblich. Aus diesem Grunde bietet uns der Handel häufiger und länger steinharte Pflaumen aus Spanien an als die zarte, duftende, geschmacklich weit überlegene Mirabelle.

Als «Nischenprodukt» bezeichnete sie der Geschäftsführer eines Schweizer Früchtehändlers, und: Vorwiegend ältere Menschen würden Mirabellen kennen, jüngere eher nicht. Statistisch gesehen, verzehrt jeder Deutsche und jede Schweizerin etwa 25 Gramm Mirabellen im Jahr, also gerade mal zwei Früchtchen. Vielleicht passt die kleine Mirabelle auch nicht in eine Verkaufslandschaft, in der das Prinzip «je grösser, desto besser» zu gelten scheint.

Mirabellen schmecken nicht nur fein: Die goldenen Früchtchen haben wenig Säure und bieten neben viel Vitamin C auch ein breites Spektrum an B-Vitaminen. Bemerkenswert ist der hohe Gehalt an Kalium und Pektin; das erste wirkt entwässernd, durch das zweite wird, wie bei allen Pflaumenarten, die Verdauung angeregt.

Pflaumen gibt es überall ...

... Mirabellen nur bei uns, sagen die Lothringer. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn inzwischen werden Mirabellen in Mittel- und Südeuropa sowie in Nordafrika angebaut. Aber die Lothringer Ernte ist immer noch die grösste: 300 000 Mirabellenbäume liefern mit etwa 20 000 Tonnen 70 bis 80 Prozent der Weltproduktion. Und nicht umsonst tragen die feinsten und aromatischsten Mirabellensorten Lothringer Namen: die Mirabelle von Nancy und die Metzer Mirabelle.

Die ertragreiche «Nancy» hat etwas grössere, sehr süsse und schmackhafte Früchte und wird gerne roh gegessen oder für Mirabellenkuchen und zum Einmachen verwendet. Die etwas kleineren Metzer Mirabellen, eine sehr alte Sorte, sind sehr saftig und das Fruchtfleisch etwas weicher. Aus ihnen macht man köstliche Konfitüre, Mirabellengeist und einen  delikaten Mirabellenlikör.

Andere Mirabellensorten sind die Frühe, die Gelbe und Flotows Mirabelle sowie die Herrenhäuser Mirabelle mit etwas grösseren Früchten. Bellamira und Miragrande sind  grossfrüchtige Züchtungen, die jedoch geschmacklich nicht mit den kleinen Nancy-Mirabellen mithalten können.

Die zweite Königin

Zu Ehren der französischen Königin Claude de Bre-tagne wurde die saftige Unterart der Pflaume benannt, die wir heute als Edelpflaume, Reineclaude, Reneklode oder auch als Ringlotte bezeichnen. Man kennt sie in Mittel- und Südeuropa sowie in Asien, und wer sie kennt, der liebt sie auch: Reineclauden sind strotzend saftig, aromatisch und so süss, dass sie auch als Zuckerpflaumen bezeichnet werden.

Die kugeligen, nicht ganz pflaumengrossen Früchte prangen je nach Sorte in verschiedenen Farben: Die Grosse Grüne Reneklode ist, wie der Name nahelegt, auch in reifem Zustand grün, Oillins Reneklode ist gelbgrün, die Frühe Reneklode kleidet sich in gelbliche und rötliche Töne, während die Graf Althanns Reneklode mit ihrer blauvioletten Haut einer runden Pflaume gleicht.

Auch Reineclauden muss man heutzutage meistens suchen, kann aber zum Beispiel auf Bauernmärkten fündig werden. Die edlen Früchte schmecken nämlich nur, wenn sie am Baum völlig ausreifen – unreife Reineclauden haben kaum Geschmack. Reif und frisch vom Baum oder vom Markt dagegen munden sie ganz hervorragend.

Reineclauden eignen sich weniger für Kuchenbeläge als Mirabellen, da sich ihr Stein nicht so gut vom Fruchtfleisch löst. Beide Sorten aber lassen sich einmachen (mit Stein), zu Kompott, köstlichen Marmeladen und Gelees sowie zu Likör verarbeiten. (Ver-)suchen Sie doch in diesem Sommer den königlichen Fruchtgenuss!

Autorin: Dr. Claudia Rawer

 
 
 
 
 
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